Warum zwei steinerne Kugeln mehr erzählen könnten als ein ganzes Regal. Samstag in Köln-Godorf. Eine Debatte über grüne Onyx-Buchstützen, kosmische Kugeln und die Frage, warum Vernunft auf Flohmärkten selten gewinnt

Der Flohmarkt in Köln-Godorf gehört zu jenen Orten, an denen die Zeit ihre Ordnung verliert. Hier stehen fünfzig Jahre deutsche Wohnkultur friedlich nebeneinander. Nierentische neben Fahrradsätteln. Messingleuchter neben VHS-Kassetten. Irgendwo diskutiert ein Mann über die historische Bedeutung einer Modelleisenbahn, während eine ältere Dame mit der Entschlossenheit einer UN-Diplomatin den Preis einer Kristallschale verhandelt. Es riecht nach Bratwurst, Regen und Vergangenheit. Charlotte liebt solche Orte. Roger betrachtet sie eher als anthropologisches Forschungsfeld. „Eigentlich faszinierend“, sagt er und blickt über die Menschenmassen. Charlotte grinst. „Du meinst chaotisch.“ „Nein. Statistisch unwahrscheinlich.“ „Das ist Physiker-Sprache für chaotisch.“ Roger widerspricht nicht.

Die Begegnung

Sie schlendern bereits seit einer Stunde über das Gelände. Charlotte hat drei Dinge entdeckt, die sie unbedingt braucht. Roger hat dreißig Gründe gefunden, warum sie keines davon braucht. Die Beziehung funktioniert erstaunlich gut. Dann bleiben beide gleichzeitig stehen. Auf einem Tisch zwischen alten Kunstbüchern und einer Sammlung italienischer Aschenbecher stehen sie: Die Onyx-Buchstützen. Grün. Schwer. Mit ihren geheimnisvollen Kugeln. Fast wirken sie wie Artefakte aus einer verschwundenen Zivilisation, die beschlossen hatte, ihre Philosophie in Stein zu formulieren. Charlotte macht das Geräusch, das Roger fürchtet. „Oh.“ Roger kennt dieses „Oh“. Es hat bereits zu Lampen, Sesseln und einer vollkommen unnötigen Keramikente geführt.

Der erste Angriff der Vernunft

Roger hebt eine Augenbraue. „Das sind Buchstützen.“ „Ja.“ „Wir haben bereits Buchstützen.“ „Wir haben funktionale Buchstützen.“ „Das sind ebenfalls Buchstützen.“ „Das sind Skulpturen.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ Der Verkäufer beobachtet die Szene mit professioneller Gelassenheit. Offenbar hat er diese Diskussion schon oft erlebt.

Charlotte plädiert für Schönheit

Charlotte nimmt eine der Kugeln in die Hand. „Schau sie dir an.“ Roger schaut. „Ich schaue.“ „Nein. Richtig.“ „Ich bin Physiker. Schauen ist praktisch mein Beruf.“ „Das musst Du nicht immer wiederholen.“ Charlotte dreht die Kugel ins Licht. Die Maserungen ziehen durch den Stein wie Wolkenbänder auf einem fernen Planeten. „Die sehen aus wie kleine Welten.“ „Sie sehen aus wie Onyx.“ „Du bist heute wieder sehr romantisch.“ Roger verschränkt die Arme. „Warum sollten wir sie kaufen?“ Charlotte antwortet sofort: „Weil sie wunderschön sind.“ Roger seufzt. Er hatte eine längere Argumentation erwartet. „Charlotte.“ „Ja?“ „Schönheit ist kein Argument.“ „Für Designer schon.“ „Für Physiker nicht.“

Die Kugel

Roger hebt eine der Kugeln an. Erstaunlich schwer. Er dreht sie langsam. „Eigentlich ist die Form interessant.“ Charlotte lächelt. Sie spürt, dass die Front bröckelt. „Erzähl.“ „Eine Kugel ist mathematisch beinahe perfekt.“ „Aha.“ „Die effizienteste Form überhaupt.“ „Du findest sie also schön.“ „Ich finde sie optimal.“ „Männer benutzen manchmal erstaunlich viele Wörter, um Schönheit zu vermeiden.“ Der Verkäufer lacht. Roger ignoriert ihn.

Eine geologische Intervention

Charlotte fährt mit den Fingern über die rostfarbenen Linien. „Sieh dir diese Schichten an.“ Roger nickt.„Travertinartiger Onyx. Mineralische Ablagerungen. Wahrscheinlich über enorme Zeiträume entstanden.“Charlotte betrachtet den Stein. „Das ist verrückt.“„Was?“ „Dass dieser Stein Millionen Jahre gebraucht hat, um hier zu landen.“ Roger schaut sie an. „Und jetzt diskutieren wir darüber, ob wir ihn neben Kochbücher stellen.“

Ein Windstoß weht über den Platz. Irgendwo scheppert Metall. Jemand handelt erbittert um drei Euro. Charlotte stellt die Kugel zurück. „Warum müssen Dinge immer nützlich sein?“ Roger denkt nach. „Müssen sie nicht.“ „Aha.“ „Aber es hilft.“ „Hilft wobei?“ „Beim Begründen von Anschaffungen.“ Charlotte grinst. „Das klingt verdächtig nach einem Menschen, der die Buchstützen eigentlich mag.“ Roger schaut demonstrativ weg.Eine ältere Dame bleibt neben ihnen stehen. Sie betrachtet die Onyx-Stücke. Dann geht sie weiter. Ein anderer Interessent wirft bereits neugierige Blicke auf den Tisch. Charlotte spürt die Gefahr. Auf Flohmärkten gibt es eine eigene Physik. Man will etwas nicht besitzen. Bis jemand anderes es besitzen möchte. Plötzlich wird es unverzichtbar. „Roger.“ „Ja?“ „Weißt du, warum ich Flohmärkte liebe?“ „Weil du Dinge kaufen kannst?“ „Nein.“ „Warum dann?“ „Weil alles hier eine Geschichte hat.“ Roger blickt über die Reihen. Alte Koffer. Alte Bücher. Alte Kameras. Alte Menschen mit erstaunlichen Geschichten. Vielleicht hat sie recht. Ein Möbelhaus verkauft Objekte. Ein Flohmarkt verkauft Möglichkeiten.

Der unerwartete Verbündete

Der Verkäufer räuspert sich. „Die stammen übrigens aus einer Villa in Belgien.“ Charlotte leuchtet auf. Roger stöhnt. „Jetzt geht es los.“ „Was denn?“ „Jetzt bekommen die Buchstützen eine Biografie.“ „Vielleicht haben sie eine.“ „Vielleicht hat der Verkäufer eine.“ Der Verkäufer grinst. Beides möglich.“

Der Moment der Wahrheit

Charlotte betrachtet die Kugeln noch einmal. Roger betrachtet Charlotte. Und plötzlich weiß er bereits, wie die Geschichte endet. Nicht wegen der Buchstützen. Wegen ihres Gesichtsausdrucks. Der Ausdruck lautet: Wenn wir jetzt gehen, denke ich noch in drei Jahren daran.

„Also gut.“ Charlotte dreht sich überrascht um. „Also gut was?“ „Wir nehmen sie.“ „Wirklich?“ „Ja.“ „Warum?“ Roger schaut auf die grünen Kugeln. Dann auf die Bücherstapel. Dann auf das geschäftige Chaos von Godorf. „Weil sie völlig unnötig sind.“ Charlotte lächelt. „Und?“ „Weil sie schwer sind.“ „Und?“ „Weil sie aussehen, als hätten sie bereits ein Leben hinter sich.“ Charlotte nickt. Der Verkäufer beginnt bereits einzupacken.

Die Heimfahrt

Später schleppen beide ihre Schätze zum Auto. Roger ächzt. Charlotte lacht. „Immer noch zufrieden mit der Entscheidung?“ Roger denkt kurz nach. Dann blickt er auf die beiden steinernen Kugeln. „Ein Teil von mir findet sie interessant.“ Charlotte strahlt. Nach zwölf gemeinsamen Jahren weiß sie: Für einen Physiker ist das praktisch eine Liebeserklärung. Und so verlassen zwei Menschen den Flohmarkt in Godorf mit etwas, das sie nicht gebraucht haben. Was natürlich die beste Voraussetzung dafür ist, dass sie es noch lange behalten werden. Es gibt Fundstücke, die begegnen einem wie eine Frage. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Eher so, wie eine Katze einen Raum betritt: selbstverständlich, aber unerklärlich bedeutsam. Diese Midcentury-Buchstützen aus grünem Onyx gehören zu jener seltenen Kategorie von Objekten, die ihre Funktion zwar erfüllen, aber sich beharrlich weigern, darin aufzugehen. Natürlich könnten sie Bücher stützen. Das tun sie zweifellos. Doch wer sie betrachtet, ahnt schnell: Hier geht es um etwas anderes. Die beiden steinernen Körper stehen da wie eine kleine Bühne. Eine vertikale Platte. Eine Kugel. Dann noch einmal dieselbe Konstellation. Fast architektonisch. Fast kosmologisch.

Und plötzlich stellt sich eine merkwürdige Frage: Brauchen wir so etwas überhaupt? Die Antwort lautet wahrscheinlich: nein. Und vielleicht genau deshalb: ja.

Die seltsame Karriere des Steins

Es ist bemerkenswert, wie oft Menschen versuchen, Zeit in ihre Wohnungen zu holen. Wir stellen alte Bücher ins Regal. Erben Möbel. Sammeln Fossilien. Bewahren Fotografien auf. Offenbar genügt uns die Gegenwart nicht. Onyx ist gewissermaßen Zeit in komprimierter Form. Die grünen, weißen und braunen Schichten entstanden über immense geologische Zeiträume. Was heute als Dekorationsobjekt erscheint, war einst Teil eines Prozesses, der sich jeder menschlichen Vorstellung von Geduld entzieht. Der Stein erinnert daran, dass die Erde in anderen Takten denkt. Während wir Kalenderblätter umdrehen, entstehen dort unten ganze Landschaften. Vielleicht liegt darin ein Teil seiner Faszination. Ein Stück geologische Langsamkeit auf einem Bücherregal.

Grün ist nie nur Hoffnung

Die Farbe des Onyx spielt dabei eine besondere Rolle. Grün wird gern romantisiert. Natur. Wachstum. Heilung. Harmonie. Doch Grün besitzt eine bemerkenswerte Doppelbödigkeit. Grün ist ebenso die Farbe des Neids. Der Verführung. Der Unreife. Der Vergänglichkeit. Das frische Blatt und das faulende Blatt teilen dieselbe Farbwelt. Vielleicht wirkt grüner Onyx deshalb so zeitlos. Er erzählt keine einfache Geschichte. Er verkündet keine Erlösung. Er bleibt ambivalent. Genau wie das Leben. Genau wie jede ernstzunehmende Kunst.

Die Kugel und das Regal

Die eigentliche Überraschung dieser Buchstützen sind nicht die Steinplatten. Es sind die Kugeln. Denn Kugeln sind eigensinnige Formen. Ein Würfel bleibt, wo man ihn abstellt. Eine Kugel dagegen besitzt eine innere Unruhe. Sie will rollen. Sich bewegen. Verschwinden. In Mythologien, Philosophien und Wissenschaften taucht sie immer wieder auf: als Planet, als Ei, als Welt, als Ursprung, als Vollkommenheit. Hier aber liegt sie still. Festgesetzt. Fast gezähmt. Und genau das erzeugt Spannung. Die Kugel wirkt wie die Möglichkeit einer Bewegung, die niemals stattfindet. Wie ein Gedanke kurz vor dem Ausbruch. Wie ein Satz, der noch nicht geschrieben wurde. Wie ein Aufbruch, der sich entscheidet zu bleiben.

Bücher sind Ordnungsmaschinen

Vielleicht lohnt es sich, einen Moment über Bücher nachzudenken. Ein Regal ist kein neutraler Ort. Regale sind Speicher menschlicher Kontrollversuche. Wir sortieren Wissen nach Themen. Nach Autorinnen. Nach Ländern.
Nach Jahrhunderten. Alles bekommt seinen Platz. Bibliotheken sind letztlich große Architekturen des Einordnens. Und genau dort sitzen diese Kugeln. Wie kleine Planeten zwischen den Kategorien. Sie erinnern daran, dass die Welt niemals vollständig katalogisiert werden kann. Dass jede Ordnung nur eine vorübergehende Vereinbarung ist. Dass hinter jedem Buch weitere Fragen warten. Vielleicht sind diese Buchstützen deshalb weniger Hüter des Wissens als Hüter des Nichtwissens.

Die rostfarbenen Linien

Besonders faszinierend sind die braunen und rötlichen Adern im Stein. Sie wirken wie Bruchlinien. Wie Flussläufe auf alten Landkarten. Wie Narben. In einer Zeit perfekter Oberflächen erzählen sie etwas Unmodernes: Schönheit entsteht nicht trotz der Unregelmäßigkeit. Sondern durch sie. Die Einschlüsse sind keine Fehler. Sie sind die Biografie des Materials. Und vielleicht berührt uns genau das. Weil Menschen ebenfalls aus Einschlüssen bestehen. Aus Irrwegen. Aus Brüchen. Aus Zufällen. Aus Geschichten, die nie geplant waren.

Midcentury und der Traum von der vernünftigen Welt

Die Entstehungszeit solcher Objekte ist kein Zufall. Das Midcentury Design liebte klare Linien und rationale Formen. Es glaubte an Fortschritt, Gestaltung und eine bessere Zukunft. Doch gleichzeitig brachte es Holz, Stein und organische Materialien zurück ins moderne Zuhause. Es war eine Epoche, die Technik wollte, ohne die Erde zu vergessen. Diese Buchstützen verkörpern genau dieses Spannungsfeld. Sie sind geometrisch und natürlich. Diszipliniert und poetisch. Rational und geheimnisvoll. Fast scheint es, als hätten sich Bauhaus und Höhle auf einen Kaffee getroffen.

Die Würde des Nutzlosen

An dieser Stelle taucht die ursprüngliche Frage erneut auf. Brauchen wir das? Objektiv betrachtet: nein. Ein einfacher Metallwinkel könnte dieselbe Aufgabe erfüllen. Doch vielleicht verrät die Frage mehr über unsere Zeit als über das Objekt. Wir leben in einer Kultur, die ständig nach Rechtfertigungen verlangt. Welchen Nutzen hat das? Welche Funktion erfüllt es? Welche Effizienz steigert es? Die Buchstützen antworten darauf mit bemerkenswerter Gelassenheit: Keine besondere. Sie sind einfach da. Schwer. Schön. Still. Und vielleicht liegt gerade darin ihre kulturelle Bedeutung. Sie erinnern an etwas, das zunehmend selten wird: die Freiheit, Dinge nicht ausschließlich nach ihrem Nutzen zu bewerten.

Eine kleine Kosmologie im Regal

Je länger man diese Onyx-Buchstützen betrachtet, desto weniger erscheinen sie wie Einrichtungsgegenstände. Die Kugeln werden zu Welten. Die Steinplatten zu Horizonten. Die Bücher zu Archiven menschlicher Versuche, die Wirklichkeit zu verstehen. Und mittendrin sitzt ein Stück Erdgeschichte, das sich jeder endgültigen Interpretation entzieht. Vielleicht ist das die schönste Symbolik, die man einem Objekt zuschreiben kann. Nicht Sicherheit. Nicht Status. Nicht spirituelle Heilsversprechen. Sondern Erinnerung. Die Erinnerung daran, dass Wissen und Geheimnis keine Gegensätze sind. Dass Ordnung und Chaos miteinander tanzen. Dass selbst ein Bücherregal noch Platz für ein kleines Universum haben darf. Und vielleicht stehen diese beiden grünen Onyx-Kugeln genau deshalb dort. Nicht um Bücher festzuhalten. Sondern um zwischen all den Antworten die Frage zu bewahren.

Marktwert 2026

ZustandRealistischer Wert
Flohmarktfund in Godorf30–80 €
Kleinanzeigen / Privatverkauf80–150 €
Vintage-Händler150–250 €
Design-Boutique / Chairish / 1stDibs-Umfeld200–350 €
Außergewöhnliche Provenienz oder Originaletiketten300 €+

Diese Einschätzung ergibt sich aus aktuellen Angeboten und Auktionsergebnissen für vergleichbare Midcentury- bzw. Art-Déco-Onyx-Buchstützen mit Kugelmotiven. Standard-Onyx-Buchstützen liegen oft bei etwa 50–70 €, während seltenere Kugel- und Skulpturformen deutlich höher gehandelt werden.

Was den Wert erhöht

  • die Kugelform (deutlich seltener als einfache Winkelbuchstützen)
  • die schöne grüne Maserung
  • die symmetrische Komposition
  • Midcentury-/Art-Déco-Anmutung
  • vollständiges Paar
  • keine sichtbaren größeren Abplatzungen

Gerade die Kugeln machen sie für Sammler interessanter. Vergleichbare Kugel-Buchstützen aus grünem Stein werden im internationalen Vintagehandel teilweise um 200 US-Dollar und mehr angeboten

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