Wilde Führung als Zukunftskraft? Die Wolfsfrau ist die Verkörperung einer ungezähmten Weiblichkeit — wild, intuitiv, erfahren — die in den Geschichten, Liedern und Träumen ganzer Kulturen lebt.
Die Wolfsfrau, wie Clarissa Pinkola Estés sie nennt, ist kein mystisches Trend-Label. Sie steht für Intuition, Erzählkraft, klare Grenzen und eine tiefe Verbindung zu innerer Wahrheit. Übertragen auf Unternehmen bedeutet das: Führung, die weniger auf reiner Effizienz und mehr auf Echtheit, Resilienz und Beziehungsintelligenz setzt. Clarissa Pinkola Estés hat diese Figur in Geschichten und Archetypen lebendig gemacht — und genau diese Qualitäten werden in modernen Organisationen immer wertvoller. (Amazon)
Drei tragende Rollen, die die Wolfsfrau künftig in Unternehmen übernimmt
1. Hüterin psychologischer Sicherheit und Narrativarbeit
Die Wolfsfrau schafft Räume, in denen Mitarbeitende sich trauen, zu sprechen, zu scheitern und neu anzusetzen. Storytelling wird hier zum Führungsinstrument: durch das Erzählen von Fehlern, Grenzen und Lernwegen wächst Vertrauen — und damit Innovationsfähigkeit. Studien zeigen, dass psychologische Sicherheit direkte positive Effekte auf Kreativität und Innovation hat. Führungskräfte, die wie die Wolfsfrau Geschichten teilen und Fehler entstigmatisieren, erhöhen die Lernkurve ihrer Teams. (Harvard Business Impact)
2. Architektin von Grenzen und Selbsterhaltung
Wilde Führungsqualität heißt auch: Grenzen setzen ohne Schuldgefühle. Die Wolfsfrau führt, indem sie Erwartungen klärt, Arbeits- und Erholungszeiten schützt und Vorbild ist. Solche Praktiken verringern Burnout, steigern Bindung und zeigen, dass Produktivität und Fürsorge kein Widerspruch sind. Organisationen, die Leader darin unterstützen, gesunde Grenzen zu modellieren, gewinnen an Stabilität und Mitarbeiterzufriedenheit. (Truist Leadership Institute)
3. Katalysatorin für Diversität, Intuition und kreative Entscheidungsfindung
Wolfsfrauen bringen nicht nur Empathie, sie bringen eine andere Logik in Entscheidungsprozesse: narrative Intelligenz, Kontextwissen und Mut zum Unkonventionellen. Unternehmen mit stärkerer weiblicher Führung zeigen nachweislich bessere Innovations- und Performance-Indikatoren. Die Wolfsfrau fördert heterogene Teams, die komplexe Probleme flexibler lösen. (McKinsey & Company)
Wenn die Wolfsfrau dorthin geht, wo Sinn, Komplexität und Menschlichkeit zusammenkommen, dann sucht sie sich kein starres Berufsbild. Sie findet ihr „Rudel“ dort, wo Systeme lebendig sind — und genau deshalb Führung brauchen, die nicht nur funktioniert, sondern fühlt, hält und gestaltet. Hier sind die Felder, in denen sie künftig besonders wirksam wird:
🌿 1. Organisationsentwicklung & Transformation
Berufe: Transformation Lead, Organizational Designer, Culture Strategist
Hier arbeitet die Wolfsfrau am Nervensystem von Unternehmen. Sie gestaltet nicht nur Prozesse, sondern Beziehungen, Vertrauen und Bedeutung. In einer Welt permanenter Veränderung wird Transformation oft technisch gedacht — als Tool, Framework oder KPI. Doch scheitern viele Change-Projekte nicht an der Strategie, sondern an Angst, Misstrauen oder innerem Widerstand. Genau hier beginnt ihre Arbeit. Sie schafft psychologische Sicherheit, moderiert Spannungen und übersetzt zwischen Management, Teams und Kultur. Ihr „Rudel“ sind Menschen, die Wandel nicht verordnen, sondern ermöglichen.
👉 Zukunftswert: extrem hoch — weil Transformation zur Daueraufgabe wird
🔥 2. Leadership & Executive Coaching
Berufe: Executive Coach, Leadership Mentor, Sparringspartner für C-Level
Die Wolfsfrau arbeitet oft im Hintergrund — leise, präzise, aber mit großer Wirkung. In einer Zeit, in der Führungskräfte unter enormem Druck stehen, wird Coaching zur Schlüsselressource. Doch nicht jedes Coaching ist gleich. Die Wolfsfrau bringt etwas anderes mit: sie konfrontiert ohne zu verletzen, sie spürt blinde Flecken auf und arbeitet mit Narrativen statt nur mit Zielen. Ihr Rudel sind Führungspersönlichkeiten, die bereit sind, sich selbst zu begegnen — nicht nur ihre Performance zu optimieren.
👉 Zukunftswert: hoch — weil Selbstführung zur Kernkompetenz wird
🧠 3. Psychologische Sicherheit & People Experience
Berufe: Head of People & Culture, Psychological Safety Lead, Employee Experience Designer
Unternehmen beginnen zu verstehen: Kultur ist kein „Soft Factor“, sondern ein wirtschaftlicher Hebel. Die Wolfsfrau wirkt hier als Hüterin des inneren Klimas. Sie gestaltet Räume, in denen Menschen sprechen können, ohne Angst. Sie entwickelt Feedbackkulturen, Lernräume und Rituale, die Vertrauen fördern. Ihr Rudel sind Menschen, die Organisationen nicht als Maschinen, sondern als soziale Ökosysteme begreifen.
👉 Zukunftswert: sehr hoch — direkt verknüpft mit Innovation & Bindung
🌍 4. Politik, Zivilgesellschaft & neue Governance-Modelle
Berufe: Policy Advisor, Community Builder, Social Impact Strategist
Die Wolfsfrau bleibt nicht im Unternehmen. Sie wirkt auch dort, wo Gesellschaft gestaltet wird. In einer fragmentierten Welt braucht es Stimmen, die Brücken bauen, Konflikte halten und neue Narrative entwickeln. Ob in NGOs, Think Tanks oder politischen Initiativen — sie bringt Tiefe in Debatten, die oft zu oberflächlich geführt werden. Ihr Rudel sind Menschen, die Verantwortung nicht nur verwalten, sondern neu denken wollen.
👉 Zukunftswert: wachsend — weil gesellschaftliche Spannungen steigen
🎨 5. Kreativwirtschaft & Narrative Gestaltung
Berufe: Autorin, Story Strategist, Creative Director, Dokumentaristin
Die Wolfsfrau ist eine Erzählerin. Und Geschichten sind das Betriebssystem von Kultur. In der Kreativwirtschaft prägt sie Bilder davon, was Führung, Weiblichkeit, Macht und Gemeinschaft bedeuten. Sie arbeitet an Filmen, Kampagnen, Essays oder Marken — und verändert damit Wahrnehmung. Ihr Rudel sind kreative Köpfe, die nicht nur ästhetisch, sondern auch gesellschaftlich wirksam sein wollen.
👉 Zukunftswert: hoch — Narrative steuern Realität
⚖️ 6. New Work & Arbeitskultur-Design
Berufe: Future of Work Strategist, Arbeitszeit-Architektin, Hybrid Work Designer
Hier geht es um eine der zentralen Fragen unserer Zeit: Wie wollen wir eigentlich arbeiten? Die Wolfsfrau bringt Klarheit in Themen wie Grenzen, Erreichbarkeit, Sinn und Produktivität. Sie hilft Organisationen, Modelle zu entwickeln, die nicht nur effizient, sondern auch menschlich tragfähig sind. Ihr Rudel sind Pioniere neuer Arbeitsformen — Menschen, die verstehen, dass Leistung und Leben zusammen gedacht werden müssen.
👉 Zukunftswert: extrem hoch — Arbeit wird neu verhandelt
🌱 7. Bildung, Mentoring & Wissensökologie
Berufe: Lernarchitektin, Mentorin, Dozentin für Future Skills
Die Wolfsfrau denkt in Generationen. Deshalb findet man sie auch in Bildungsräumen. Sie lehrt nicht nur Wissen, sondern Haltung: Selbstreflexion, Resilienz, kritisches Denken, Empathie. Fähigkeiten, die in einer KI-geprägten Welt entscheidend werden. Ihr Rudel sind Lernende und Lehrende, die Bildung nicht als System, sondern als lebendigen Prozess verstehen.
👉 Zukunftswert: fundamental — weil Zukunftskompetenzen neu definiert werden
🐺 Wo ihr Rudel wirklich ist
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort: Die Wolfsfrau findet ihr Rudel nicht in Berufen — sondern in Haltungen. Sie erkennt es daran, dass:
- Menschen sich trauen, ehrlich zu sein
- Grenzen respektiert werden
- Unterschiedlichkeit nicht geglättet wird
- Sinn wichtiger ist als Status
- und Führung nicht laut, sondern wirksam ist
Manchmal sitzt dieses Rudel in einem Start-up. Manchmal in einer Behörde. Manchmal in einem Atelier.
Und manchmal entsteht es erst, weil sie da ist.
🌙 Ein entscheidender Shift
Die Zukunft gehört nicht nur den Schnellsten oder Lautesten. Sie gehört denen, die Systeme stabil halten können, während sie sich verändern. Die Wolfsfrau ist genau das: kein Gegenmodell zur Wirtschaft — sondern ihr nächster Entwicklungsschritt.
Mehrwert der Wolfsfrau für regenerative Unternehmen und Systeme
Regenerative Organisationen verstehen sich als lebendige Systeme: Sie wollen nicht nur wachsen, sondern sich selbst erneuern, Ressourcen sinnvoll nutzen und Resilienz aufbauen. Hier tritt die Wolfsfrau in den Vordergrund: Sie sorgt dafür, dass das System sich stabil hält, während es gleichzeitig flexibel bleibt.
1. Hüterin psychologischer Sicherheit – Innovationskraft durch Vertrauen
In regenerativen Unternehmen entstehen neue Lösungen oft aus Experimenten, Kooperation und Anpassungsfähigkeit. Die Wolfsfrau:
- Schafft Räume, in denen Mitarbeitende Fehler offen teilen können
- Entstigmatisiert Irrtümer und fördert damit Lernprozesse
- Nutzt Storytelling, um Wissen zu teilen und kollektive Orientierung zu bieten
Mehrwert: Teams sind kreativer, resilienter und bereit, komplexe Probleme flexibel zu lösen. Studien zeigen, dass psychologische Sicherheit direkte Effekte auf Innovation, Qualität und Mitarbeiterbindung hat (Harvard Business Review, 2017).
2. Architektin von Grenzen – Nachhaltige Leistungsfähigkeit
Regenerative Systeme benötigen Energie, die langfristig verfügbar ist, nicht kurzfristige Überlastung. Die Wolfsfrau:
- Modelliert gesunde Arbeits- und Erholungszeiten
- Setzt klare Erwartungen und Grenzen ohne Schuldgefühle
- Stärkt Vorbildfunktionen für Selbstfürsorge
Mehrwert: Weniger Burnout, höhere Mitarbeiterzufriedenheit, stabilere Teams. Organisationen, die solche Grenzen aktiv fördern, reduzieren Fluktuation und stärken interne Loyalität (Truist Leadership Institute, 2023).
3. Katalysatorin für Diversität, Intuition und kreative Entscheidungen
Regenerative Unternehmen sind komplex, vernetzt und dynamisch. Die Wolfsfrau:
- Fördert heterogene Teams und unterschiedliche Perspektiven
- Bringt narrative Intelligenz, Empathie und kontextuelles Wissen ein
- Ermutigt zu unkonventionellen Lösungswegen
Mehrwert: Mehr Innovationsfähigkeit, bessere Problemlösungsstrategien und leistungsstärkere Teams. Unternehmen mit stärker weiblicher Führung zeigen nachweislich bessere Performance-Indikatoren (McKinsey & Company, 2024).
4. Bewahrerinnen von Systemresilienz
Regenerative Organisationen leben von Anpassungsfähigkeit, Redundanz und Stabilität. Die Wolfsfrau:
- Beobachtet das System als Ganzes und erkennt Stresspunkte frühzeitig
- Moderiert Konflikte, bevor sie eskalieren
- Unterstützt das kollektive Lernen und die Evolution des Systems
Mehrwert: Systeme, die sich selbst regenerieren können, sind widerstandsfähiger gegenüber Veränderungen, Krisen und externen Schocks.
Beispiel: Unternehmen mit Kulturmonitoring und psychologisch sicheren Strukturen erholen sich signifikant schneller von organisatorischen Krisen.
5. Integration – Sinnstiftung und Orientierung
Regenerative Unternehmen brauchen gemeinsame Visionen, die über kurzfristige Ergebnisse hinausgehen. Die Wolfsfrau:
- Verbindet Strategie mit Sinn
- Kommuniziert transparent, ohne zu dominieren
- Nutzt Geschichten, um Veränderung greifbar zu machen
Mehrwert: Starke Narrative fördern Engagement, Zusammenhalt und Identifikation. Mitarbeitende verstehen ihre Rolle im größeren Kontext — was die Umsetzung regenerativer Prinzipien erleichtert.
6. Ökologischer und sozialer Impact
Die Wolfsfrau unterstützt Unternehmen, die ökologisch und sozial regenerativ arbeiten, indem sie:
- Entscheidungen mit langfristiger Perspektive absichert
- Diversität und Inklusion strategisch fördert
- Organisationen resilient und lernfähig hält
Mehrwert: Regenerative Prinzipien werden nicht nur proklamiert, sondern in kulturelle Praxis übersetzt, wodurch Wirkung und Nachhaltigkeit messbar steigen.
💡 Zusammenfassung: Warum die Wolfsfrau ein strategischer Hebel ist
| Rolle | Wirkung auf regenerative Unternehmen | Messbarer Mehrwert |
|---|---|---|
| Hüterin psychologischer Sicherheit | Innovationsfähigkeit & Vertrauen | höhere Kreativität, weniger Fluktuation |
| Architektin von Grenzen | Nachhaltige Energie & Resilienz | geringere Burnoutrate, höhere Zufriedenheit |
| Katalysatorin Diversität | Bessere Entscheidungsqualität | stärkere Performance, bessere Problemlösung |
| Bewahrerin von Systemresilienz | Frühwarnung & Konfliktprävention | schnelleres Recovery, stabilere Teams |
| Narrative Integration | Sinn & Orientierung | höheres Engagement, Identifikation |
| Ökologisch-soziale Weitsicht | Nachhaltige Entscheidungen | messbarer Impact auf Umwelt & Gesellschaft |
Kurz
- Mehr Innovation durch höhere psychologische Sicherheit. (PMC)
- Geringere Fluktuation und weniger Burnout durch klare Grenzen und nachhaltige Führung. (Truist Leadership Institute)
- Bessere Marktperformance und Talentgewinnung über diversere Führungsteams. (McKinsey & Company)
Ein kurzes Szenario
Stell dir ein Produktteam vor, das jeweils eine Viertelstunde in jeder Sprint-Retrospektive einem Erzähllogo widmet: eine Person teilt ein persönliches Lernstück, keine Schuldzuweisungen, nur Befunde und Bedürfnisse. Führungskraft A modelliert regelmäßig „OFF-Weekend“-Emails, telefoniert nicht sonntags und erklärt es offen. Talente bleiben länger, Experimentierfreude steigt, und Fehler werden schneller nutzbar gemacht. Das ist Wolfsfrauen-Leadership in Miniatur — radikal simpel, hochwirksam. (Harvard Business Impact)
Von wild zu weise — ein Aufruf an Entscheiderinnen und Entscheider
Die Wolfsfrau ist kein anti-korporativer Mythos. Sie ist ein praktischer Archetyp für Führung, die Widerstandsfähigkeit, Kreativität und Menschlichkeit in Balance bringt. Unternehmen, die diese Qualitäten fördern — durch Trainings, Messgrößen, Kulturrituale und sichtbare Vorbilder — gewinnen nicht nur moralisch, sie gewinnen strategisch. Wer die Wolfsfrau einlädt, schafft ein Klima, in dem Menschen klüger, mutiger und nachhaltiger handeln. (Amazon)
Die Wolfsfrau: Wilde Weiblichkeit nach Clarissa Pinkola Estés

Das Erwachen einer alten Stimme
Es gibt Bücher, die wie ein ferngesteuertes Licht in dunklen Räumen aufleuchten. Clarissa Pinkola Estés’ Bild der Wolfsfrau ist so ein Licht: kein glattes Trend-Manifest, sondern ein uraltes, raues Signal aus Mund und Knochen.
Wer ist Clarissa Pinkola Estés?
Clarissa Pinkola Estés wird oft als Psychoanalytikerin, Dichterin und cantadora bezeichnet — eine Erzählerin, die Wissen nicht nur erklärt, sondern singt, erzählt und lebendig macht. Ihr bekanntestes Werk, in dem sie das Bild der Wolfsfrau entfaltet, verbindet analytische Tiefe mit volkstümlicher Erzählkunst. Estés greift auf Mythen, Volksmärchen und psychoanalytische Reflexionen zurück, um das verlorene Terrain weiblicher Innenerfahrung wieder zu erschließen. Sie ist weniger die akademische Lehrerin an der Tafel als die Hüterin eines Feuers, an dem Geschichten weitergegeben werden.
Die Wolfsfrau: Archetyp und Praxis
Die Wolfsfrau ist kein exotischer Luxus, keine romantische Projektion. Sie ist ein Archetyp — eine Form des Erlebens und Handelns, die in der kollektiven Psyche vieler Völker auftaucht. In Estés’ Lesart steht die Wolfsfrau für Intuition, Kreativität, Selbsterhaltung, tiefe Trauer und eine wild gelebte Sexualität. Sie ist die, die durch dunkle Wälder läuft, die Knochen sammelt, singt und wiederbelebt. Ihre Praxis ist einfach und radikal zugleich: sie hört auf die Stimme, die sagt, was wirklich wahr ist. Sie pflegt Rituale des Abschieds und des Neubeginns. Sie schützt die Grenzen. Sie liebt ohne Besitz.
Kurze, klare Sätze helfen, die Archetypik verständlich zu machen: die Wolfsfrau weiß, wann sie jagen muss, und wann sie sich in die Höhle zurückzieht. Sie weiß, dass Verletzlichkeit kein Makel ist, sondern ein Schatz.
Mythen als Karte: La Loba, Artemis und die Welt
Estés’ Kunst ist es, kulturelle Motive zusammenzuführen: die mexikanische La Loba, die alte Frau, die die Knochen findet und wieder zusammensetzt; die griechische Jagdgöttin, die unabhängige Artemis; die wilden Frauen in skandinavischen Sagen, die zwischen Natur und Mensch wandeln. In Indien sind es unterschiedliche Facetten der Shakti; in Zentral- und Südamerika leben ähnliche Frauenfiguren, die zwischen Tod und Wiedergeburt vermitteln.
Diese Parallelen sind keine Beliebigkeit. Sie zeigen, dass die Wolfsfrau kein regionales Kuriosum ist. Sie ist ein globales Phänomen — ein kultureller Knotenpunkt, an dem das Thema Weiblichkeit, Macht, Verlust und Wiederbelebung immer wieder neu verhandelt wird. Estés verwendet solche Karten, um Frauen zu helfen, ihr eigenes Terrain zu lesen: Welche Geschichte hat meine Familie verschwiegen? Welches Lied im Traum will ich lernen?
Praktiken der Wolfsfrau: Geschichten, Rituale, Grenzen
Wie nähert man sich einer Archetypin ohne hörbare Theoriebrille, sondern praktisch? Estés gibt keine fertige Gebrauchsanweisung — sie bietet Geschichten an, die wie Werkzeuge wirken. Drei Praxisfelder lassen sich zusammenfassen:
- Geschichten hören und erzählen. Märchen sind keine Zeitverschwendung. Sie sind Trainingsplätze für die Seele. Wer Märchen liest oder innerlich nacherzählt, übt, was Mut ist, was List ist, was Trauerarbeit bedeutet.
- Rituale des Sammelns und Verweilens. La Loba sammelt Knochen. Symbolisch heißt das: alte Teile des Selbst ausgraben, anschauen, würdigen, neu zusammensetzen. Kleine Rituale — ein Brief, der nicht abgeschickt wird, ein Tag ohne Telefon, ein Spaziergang allein — können das Knochen-Sammeln einleiten.
- Grenzen setzen als Selbstpflege. Wilde ist nicht gleich Polemik. Die Wolfsfrau schützt ihr Rudel und ihre Energie. Grenzen sind hier ein heilendes Handwerk, keine Strenge um der Strenge willen.
Die Wolfsfrau und die moderne Welt: Warum sie heute ruft
In einer Zeit, in der Beschleunigung und Simultanität die Regel sind, klingt die Wolfsfrau wie ein Gegenklang. Sie erinnert an Tiefe, an langsames Lernen, an die Pflicht, das Innere nicht zu überrennen. Menschen, und besonders Frauen, die sich entfremdet fühlen — vom Körper, von Beruf, von intimen Beziehungen — finden in der Wolfsfrau eine Stimme, die anders fordert: nicht mehr Leistung, sondern Echtheit; nicht mehr Anpassung, sondern Integrität.
Das ist kein Aufruf zur Flucht in romantische Wildheit. Es ist ein Plädoyer für Balance: die Rückkehr zu instinktiver Weisheit, ergänzt durch Reflexion und Gemeinschaft. Estés’ Bild ist relevant, weil es Wege zeigt, wie Altes mit Neuem verknüpft werden kann: mythologisches Wissen trifft auf therapeutische Praxis, innere Stimme trifft auf äußere Handlung.
Kulturübergreifende Perspektiven: Warum Geschichten verbinden
Ein Aspekt, den Estés besonders betont, ist die Interkulturalität: die Wolfsfrau ist kein exklusives Eigentum einer Kultur. Ihre Geschichten überschreiten Grenzen — nicht um zu nivellieren, sondern um zu verbinden. Wenn eine mexikanische Heilerin La Loba singt und eine osteuropäische Märchenerzählerin von einer Wölfin erzählt, dann entsteht ein dialogisches Feld. Die Wolfsfrau fungiert als Vermittlerin zwischen Kulturen: sie zeigt, wie Menschen in unterschiedlichen Kontexten ähnliche innere Landschaften gestalten.
Das hat auch eine politische Dimension: in Zeiten polarisierten Denkens kann das Erinnern an gemeinsame Archetypen Brücken bauen. Es erinnert uns daran, dass tiefe menschliche Anliegen — Angst, Liebe, Verlust, Heilung — universell sind, auch wenn die Formen verschieden sind.
Die Wolfsfrau in Alltag und Lifestyle: Leichtigkeit und Kraft
Estés’ Archetyp ist nicht nur für therapeutische Kreise gedacht. Die Wolfsfrau hat Platz in einem Lifestyle, der Tiefe sucht: in langsam gekochten Mahlzeiten, nächtlichen Spaziergängen, Freundinnenkreisen, die vertrauliche Rituale pflegen. Sie ist die Mischung aus eleganter Schwere und federnder Freiheit. Ein Alltag, der die Wolfsfrau ehrt, ist weniger spektakulär: er ist schlicht verlässlich. Er sieht so aus, dass man morgens aufsteht, die Stimme abhört, und den Tag so plant, dass die innere Stimme nicht übertönt wird.
Ein Plädoyer: Von der Wildheit zur Weisheit
Die Wolfsfrau will nicht nur wild sein; sie will weise werden. Das ist der subtile, aber entscheidende Unterschied: Wildheit ohne Weisheit führt zu Zerstörung; Weisheit ohne Wildheit bleibt wehleidig. Estés lädt uns ein, beides zusammenzuführen. Wir sollen lernen, unsere Instinkte zu deuten, unsere Trauer zu ehren, unsere Begierden zu formulieren — und dabei Verantwortung zu übernehmen.
Ein Brief an die Wolfsfrau in dir
Stell dir vor, die Wolfsfrau sitzt am Rand deines Bewusstseins, mit einem Mantel aus Geschichten. Sie hat laute, klare Augen. Sie fragt nicht nach deinem Lebenslauf, sondern nach deinem inneren Versprechen. Was würdest du ihr antworten? Vielleicht so: Ich will meine Stimme nicht länger im Flüsterton führen. Ich will lernen, wenn nötig zu heulen, und wenn nötig zu schweigen. Ich will sammeln, Lieder lernen, und die Menschen, die mir wichtig sind, nicht als Besitz, sondern als Spiegel sehen.
Clarissa Pinkola Estés hat die Wolfsfrau benannt und ihr Gestalt gegeben. Ihre Arbeit ist ein Werkzeugkoffer: Geschichten, Bilder, Rituale. Wer ihn aufschlägt, findet keinen fertigen Weg, aber viele Pfade. Jeder Pfad führt zurück zu einem Punkt, an dem das Leben wieder als Ganzes gefühlt werden kann.

