Zurück ins Hier und Jetzt – über Aufmerksamkeitspiraten, Begegnungen und die Kunst, den Tag nicht zu verplanen

Es gibt diese Tage, an denen die Zeit plötzlich knapp wird. Nicht, weil wir zu wenig davon hätten. Sondern weil sie unterwegs von allerlei Dingen in Anspruch genommen wird, die ursprünglich gar nicht auf unserem Plan standen. Neue Projekte bedeuten mehr Aufwand. Alte Projekte haben eine Deadline – wenn auch eine selbst gewählte. Die Zeit mit den Liebsten, zwei- und vierbeinigen, ist ohnehin schon rar. Der Tagesablauf gut durchgetaktet, die Pausen maßgeschneidert. Jetzt bloß nicht ablenken lassen. Schließlich wartet der Flow.

Und genau dann kommen sie.

Die Aufmerksamkeitspiraten.

Sie lauern überall. Man muss nicht einmal besonders weit gehen. Es reicht, die Haustür zu öffnen.

Die erste Begegnung: ein kurzer Zwischenstopp mit Langzeitwirkung

Da ist sie. Große Freude. Man hat sich länger nicht gesehen, die Hunde begrüßen sich mit einer Begeisterung, die jeder menschlichen Wiedersehenszeremonie mühelos Konkurrenz macht. Schwänze wedeln, Pfoten tanzen, die Welt ist für einen Augenblick vollkommen.

„Wie geht es dir?“ „Seit gestern bin ich krank. Die letzten Tage waren ziemlich anstrengend.“ Nun kann man schlecht einfach weitergehen. Der Zufall hat offensichtlich beschlossen, dass wir uns einmal wieder austauschen sollten. Schließlich fragt man nicht nur aus Höflichkeit, sondern weil man tatsächlich wissen möchte, wie es dem anderen geht. Mein Hund befindet sich derweil längst in einem anderen Universum. Die Düfte läufiger Hündinnen haben seinen Geschäftssinn geweckt. Seine Nase führt Verhandlungen, von denen sein Gehirn offenbar nichts wissen möchte. Ihre Hündin hingegen hat eine eigene Vorstellung vom gemeinsamen Spaziergang: Ich gehe mit, mache aber mein eigenes Ding.

Das Wetter ist schön. Von allen Seiten kommt Bewegung auf. Menschen, Hunde, Fahrräder, Kinder, Geräusche. Ein ganz gewöhnlicher Sonntagmorgen mit erstaunlich vielen Nebenhandlungen. Ich würde gerne einen Schritt zulegen, sonst komme ich heute nicht mehr in meinen Flow.“ Sie willigt ein. Trotz Halsschmerzen. Das Viererteam setzt sich in Bewegung. Es erinnert ein wenig an eine Punkrockband auf Tournee. Jeder macht sein eigenes Ding, schiebt seinen eigenen Film und interpretiert den gemeinsamen Takt auf individuelle Weise.

Ihr Hund hat einen ausgesprochen großzügigen Bewegungsradius und wenig Sinn für Rückruf. Bei Kindern wird es kritisch, sagt sie. Spätestens da ist meine Toleranzgrenze erreicht. Umsichtig, vorausschauend, rücksichtsvoll. Das sind keine übertriebenen Ansprüche, sondern Voraussetzungen dafür, dass Miteinander überhaupt funktionieren kann. Mein Hund, meine Regeln. Es wird anstrengender. Sie lacht über die Ausfälle ihres Hundes, meiner beginnt, die Situation und offenbar auch meine Führungsqualitäten zu hinterfragen. Nach einer Stunde bin ich angespannter als vor dem Spaziergang.

Die Energie fließt nicht mehr frei.

Wenn das Gehirn auf Sendung geht

Und dann kommt meine eigene Macke ins Spiel: Ich rede. Nicht ein bisschen. Ein nicht enden wollender Gedankenstrom ergießt sich über meine Lippen. Es ist die Tageszeit, zu der ich am meisten Energie habe. Wenn ich sie nicht in die richtigen Bahnen lenke, sucht sie sich offenbar selbst eine Beschäftigung. Gedankensprünge, Assoziationen, Beobachtungen, neue Verbindungen. Ein inneres Orchester, das gerade erst richtig warmgelaufen ist. Am Gesichtsausdruck meines Gegenübers erkenne ich irgendwann die innere Abkehr. Der Blick wird etwas ferner, die Aufmerksamkeit verabschiedet sich leise. Und was mache ich? Ich steigere Tempo und Lautstärke. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner für diesen Augenblick. Eine bemerkenswerte Strategie. Ungefähr so erfolgversprechend wie der Versuch, eine Punkrockband durch ein Metronom zu beruhigen. Wenn es eine Ausnahme wäre, würde ich vermutlich nicht weiter darüber nachdenken. Aber inzwischen ist es beinahe die Regel.

Man trifft sich. Man kennt sich. Man möchte sich austauschen. Und doch ist jeder im Grunde genommen gerade woanders.

Aufmerksamkeitspiraten und unsichtbare Energiekonten

Es gibt Begegnungen, bei denen sich Menschen unterwegs an unsere Energie andocken. Sie erzählen von ihren Sorgen, ihren Problemen, den anstrengenden vergangenen Tagen. Wir hören zu, fragen nach, versuchen zu verstehen, vielleicht auch ein wenig aufzufangen. Am Ende heißt es: „Das war schön. Danke für die Zeit.“ Und tatsächlich war es schön. Zumindest für den anderen. Ich hingegen bin anschließend manchmal wie erschlagen. Mein Gehirn hat die geplante Pause nicht bekommen. Die Gedanken kreisen weiter, sortieren Eindrücke, verarbeiten Emotionen und suchen nach einem Ausgang aus dem Gespräch, das längst beendet ist.

Runterfahren ist offenbar eine eigene Disziplin.

Manchmal braucht es dafür mehr Technik als für einen erfolgreichen Projektabschluss. Vielleicht liegt darin eine der unterschätzten Herausforderungen unseres Alltags: Wir planen unsere Zeit, aber kaum jemand plant seine Aufmerksamkeit. Wir reservieren Stunden für Aufgaben, Termine und Verpflichtungen. Doch wie viel Energie uns eine Begegnung kostet oder schenkt, lässt sich nur schwer in Kalenderfelder eintragen. Und nicht jede schöne Begegnung ist automatisch eine erholsame.

Das Rudel braucht Abstimmung

Mein Appenzeller-Mix ist rassebedingt immer mit einem Auge hellwach. Auf Abruf. Im Einsatz. Er beobachtet, bewertet und reagiert. Ein kleiner Sicherheitsbeauftragter auf vier Pfoten, der seine Stellenbeschreibung ausgesprochen ernst nimmt. Ich habe gelernt, dass die Disziplin von High Performance und die Fähigkeit zur Ruhe zwei Seiten derselben Medaille sind. Beides braucht es, damit das Zusammenspiel funktioniert. Im Team, im Rudel, in einer Freundschaft und eigentlich in jeder Form von Gemeinschaft.

Es braucht Abstimmung. Wo stehst du gerade? Was brauchst du? Wie viel Nähe, wie viel Bewegung, wie viel Austausch ist heute möglich? Und wie viel Eigenständigkeit verträgt das gemeinsame Vorhaben? Wenn man einen Teil des Weges miteinander gehen möchte, sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Das gilt für Hunde ebenso wie für Menschen. Vielleicht wäre es manchmal hilfreich, nicht nur zu fragen: „Wie geht es dir?“, sondern auch: „Hast du gerade Zeit und Kopf für ein Gespräch?“ Das klingt zunächst etwas unromantisch. Könnte aber erstaunlich viel Entspannung in die zwischenmenschliche Kommunikation bringen.

Ein Ort, an dem man sich noch begegnet

Ich liebe diesen Ort. Er ist ein Zuhause geworden. Immer mehr Menschen kennen sich, vertraute Gesichter begegnen sich regelmäßig. Man fragt, wie es geht, schaut aufeinander, bleibt kurz stehen. Aus einem kurzen Gruß wird manchmal ein längeres Gespräch. Das ist etwas Wertvolles. In einer Welt, in der Kommunikation zunehmend über Bildschirme stattfindet, sind zufällige Begegnungen ein Stück gelebte Nachbarschaft. Man kennt die kleinen Geschichten, die Hunde, die Eigenheiten, die Veränderungen. Manchmal erfährt man Dinge, die in keiner Nachricht stehen würden. Ich möchte das nicht missen. Aber es gibt eben auch Tage, an denen sich die Begegnungen verselbstständigen. Plötzlich ist man mittendrin, ändert die Richtung, verlängert den Spaziergang, nimmt noch eine Geschichte mit und kommt am Abend erschöpft nach Hause. Die ursprüngliche Tagesplanung ist inzwischen ungefähr so aktuell wie die Wettervorhersage von gestern.

Was nun?

Vorher die Reißleine ziehen? Sich ärgern? Sich selbst infrage stellen, weil man nicht früher eine Grenze gesetzt hat? Oder irgendwann zu den Menschen gehören, die schon beim Öffnen der Haustür signalisieren: Keine Zeit! Das wäre mir zu schade.

Zeitmanagement braucht Großzügigkeit

Es beschäftigt mich. Und dann stelle ich wieder einmal fest: Nicht die Zeit rennt davon. Es sind die vielen kleinen, ungeplanten Ereignisse, die unseren Tagen ihre eigene Dramaturgie geben.

Die zufälligen Begegnungen der vergangenen Wochen, die vertrauten Gesichter, die Menschen mit ihren ganz eigenen Filmen erinnern mich an ein Zeitmanagement, das nur funktionieren kann, wenn man es großzügig betrachtet. Vielleicht ist Zeitmanagement weniger die Kunst, möglichst viele Dinge in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Vielleicht besteht es vielmehr darin, die eigene Energie so einzusetzen, dass neben den Aufgaben auch das Leben stattfinden darf. Unsere Spiegelneuronen sind dabei nicht untätig. Wir nehmen Stimmungen auf, lesen Gesichter, reagieren auf Zwischentöne, passen uns an. Zwischenmenschliche Resonanz kann beflügeln. Sie kann aber auch anstrengend werden, wenn die Energien nicht zusammenfinden. Und manchmal ist es eben nicht das Gespräch selbst, sondern die fehlende Abstimmung, die Kraft kostet. Letztendlich bedeutet das: Ich habe heute nicht viel geschafft. Bin mit einer Sache nicht weitergekommen. Habe meine Zeit anders verbracht als vorgesehen. Dafür geht es am nächsten Tag vielleicht wieder in Siebenmeilenschritten vorwärts.

Der Hund ist entspannt. Sogar dann, wenn nachts ein paar Knallköppe meinen, Feuerwerk zünden zu müssen. Ich bin es inzwischen auch wieder.

Nicht jeder Tag braucht einen Zweck

Vielleicht müssen wir uns von einer Vorstellung verabschieden, die sich ziemlich hartnäckig in unseren Köpfen eingerichtet hat: dass ein guter Tag vor allem ein produktiver Tag sein muss. Nicht alles muss einem Ziel, einem Zweck oder einem messbaren Erfolg dienen. Manche Begegnungen sind einfach Begegnungen. Manche Umwege führen zu Gedanken, die wir am Schreibtisch niemals gehabt hätten. Manche Gespräche kosten Zeit und schenken trotzdem etwas. Und manche Tage brauchen schlicht mehr Raum, als wir ihnen zugestanden haben.

Das ist nicht immer angenehm. Schon gar nicht für Menschen, deren Gehirn gerne mehrere Projekte gleichzeitig eröffnet und deren innere Ideenproduktion selten Feierabend macht. Aber vielleicht ist genau das die eigentliche Übung: nicht jede Ablenkung als Störung zu betrachten, aber auch nicht jede fremde Energie zur eigenen Aufgabe zu machen. Offen bleiben, ohne sich zu verlieren. Zuhören, ohne alles übernehmen zu müssen. Begegnen, ohne den eigenen Rhythmus vollständig aufzugeben. Eine kleine Kunst des Alltags.

Zurück ins Hier und Jetzt

Es ist Sonntag. Nebelig. Die Laufschuhe bleiben heute im Schrank. Kein ambitioniertes Tagesziel, kein nachzuholender Kilometer, kein schlechtes Gewissen. Vielleicht ein Kaffee, ein paar Gedanken, ein Blick nach draußen. Der Nebel nimmt der Welt ein wenig Tempo und lässt die Konturen verschwimmen.

Und plötzlich wird es stiller.

Nicht die Zeit ist knapp geworden. Ich hatte nur vergessen, dass sie nicht ausschließlich mir gehört – und dass ich nicht jede Minute mit einer Absicht versehen muss. Heute darf der Tag einfach sein. Manchmal ist das der beste Flow.

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