Jazzfestival und Köln – das klingt zunächst nach schwarzem Rollkragen, Kennerblick und einem Mann, der einem ungefragt erklärt, warum das Saxofon an dieser Stelle „wirklich interessant phrasiert“. Aber bitte keine Angst: Die Cologne Jazzweek 2026 ist ziemlich weit davon entfernt, ein musikalisches Seniorenheim für Boomer zu sein.
Vom 5. bis 11. September 2026 verwandelt sich Köln in eine riesige, ziemlich wilde Jazzlandschaft. Nicht an einem Ort, sondern quer durch die Stadt: vom Stadtgarten über Kirchen und Clubs bis zur Philharmonie, vom Museum für Ostasiatische Kunst bis zum Fahrradladen. Rundherum liegt dieses typische Köln-Gefühl: Man geht eigentlich nur kurz zu einem Konzert und landet drei Stunden später irgendwo zwischen Improvisation, Tanzfläche und einem Glas Kölsch. (Cologne Jazzweek)
Wo?
Die eigentliche Idee der Jazzweek ist ihre Verteilung über Köln. Das Festival bespielt zahlreiche Orte und macht aus der Stadt selbst eine Bühne.
Ein wichtiger Anker ist der Stadtgarten Köln an der Venloer Straße. Hier finden unter anderem Peter Bernstein Quartet, Daniel Erdmann’s Thérapie De Couple, SCHMID’s HUHN und Felix Hauptmanns „YARDS & EMPATHY“ statt. (Cologne Jazzweek)
Dann die große Bühne der Kölner Philharmonie: Am 7. September um 20 Uhr kommt Avishai Cohen – Big Vicious. Das ist der Moment für alle, die Jazz gern groß, körperlich und mit ordentlich Druck erleben möchten. (Cologne Jazzweek)
Noch spannender für Entdeckerinnen: LOFT, JAKI, artheater, Club Subway, Bumann & SOHN, Neu St. Alban, St. Peter, Antoniterkirche, Dominikanerkloster Heilig Kreuz, Museum für Ostasiatische Kunst und weitere ungewöhnliche Spielorte gehören zum Festival. (Cologne Jazzweek)
Und ja: Selbst bei Schneider Radsport Köln wird gespielt. Am 11. September um 12:30 Uhr bringt das MILLENNIUM Trombone Quartet Publikum, Rennräder und Schraubenschlüssel gleichermaßen zum Schwingen. Das ist ungefähr so weit entfernt von „Jazz nur für Boomer“, wie man nur kommen kann. (Cologne Jazzweek)
Wer?
Die Namen erzählen eigentlich schon die Geschichte des Festivals: Avishai Cohen, keiyaA, Sam Gendel, Olga Reznichenko, Sam Amidon, Kalia Vandever, Peter Evans, Anushka Chkheidze, Evan Parker, Henriette Eilertsen, Anatole Muster, GEORGE, Felix Hauptmann, Luise Volkmann – dazu zahlreiche Kölner und internationale Musiker:innen. (Cologne Jazzweek)
Besonders interessant finde ich dabei die Mischung der Generationen und Szenen. Hier steht nicht einfach „Jazzklassiker trifft Jazzklassiker“. Elektronik, Hip-Hop-Nähe, freie Improvisation, Songwriting, Big Band, Clubmusik und experimentelle Klangwelten liegen nebeneinander.
keiyaA etwa spielt am 5. September um 20:30 Uhr im Ursprung fi – danach folgt um 22:30 Uhr Anushka Chkheidze & Peter Evans. Zwei Konzerte, zwei völlig unterschiedliche Klangwelten, ein Abend. (Cologne Jazzweek)
Sam Gendel ist 2026 sogar als Featured Artist besonders präsent. Er taucht an mehreren Abenden und in unterschiedlichen Konstellationen auf. Am 8. September gibt es sein Solo um 21:30 Uhr im Stadtgarten, am 10. September steht er gemeinsam mit Ethan Braun und Ugné Uma auf der Bühne des artheaters und am 11. September spielt er mit Sam Amidon im Deutschlandfunk Kammermusiksaal. (Cologne Jazzweek)
Das ist für mich eine der schönsten Ideen des Festivals: Man bekommt Künstler nicht nur als Namen auf einem Plakat serviert, sondern kann ihnen durch verschiedene musikalische Räume folgen.
Wann wird es interessant?
Samstag, 5. September: Der perfekte Einstieg für Neugierige. Schon am Nachmittag beginnt die „Musikalische Route durch Köln“. Dazu kostenlose Konzerte im Stadtgarten, in Neu St. Alban und in der Christuskirche. Um 15:30 Uhr spielt Luca Curcio „La BOMBA“ Open Air im Stadtgarten. Später wird es im Ursprung fi mit keiyaA und Anushka Chkheidze & Peter Evans clubbiger und experimenteller. (Cologne Jazzweek)
Sonntag, 6. September: Etwas entspannter. Um 13 Uhr startet die „Blaue Route“ von zFuaß. Abends dann Peter Bernstein Quartet im Stadtgarten – parallel laufen Konzerte im LOFT, JAKI und weiteren Orten. (Cologne Jazzweek)
Montag, 7. September: Hier wird es international. Um 20 Uhr Avishai Cohen – Big Vicious in der Philharmonie. Gleichzeitig gibt es im LOFT DaughterDaughter und am Ebertplatz mehrere kostenlose Bruitkasten-Konzerte. Wer sich nicht entscheiden kann: willkommen bei der Jazzweek. (Cologne Jazzweek)
Dienstag, 8. September: Mein Tipp für musikalische Entdecker. Mittags um 12:30 Uhr gibt es ein kostenloses Konzert im Museum für Ostasiatische Kunst. Abends treffen sich junge internationale Stimmen, das Bundesjazzorchester, Lucy Woodward & New Rotterdam Jazz Orchestra, Sam Gendel und weitere Projekte. (Cologne Jazzweek)
Mittwoch, 9. September: Der Tag für Menschen, die gerne vom Weg abkommen. Das Programm reicht von kostenlosen Mittagskonzerten über Olga Reznichenko bis zu Subway Jazz Orchestra & Sam Amidon, Henriette Eilertsen, Kalia Vandever und Perselí. Um 22:30 Uhr darf bei Zucker Gyárfás im JAKI sogar getanzt werden. (Cologne Jazzweek)
Donnerstag, 10. September: Ehrenfeld Night. Das klingt schon nach Plan. Farhot spielt um 20:30 Uhr bei Bumann & SOHN, BIG BREEEZY & the TOXIC TWINZ um 21 Uhr im LOFT und Anatole Muster zeigt um 22 Uhr im artheater, dass ein Akkordeon keineswegs brav auf dem Schoß sitzen muss. (Cologne Jazzweek)
Freitag, 11. September: Finale mit George, Sam Amidon & Sam Gendel, Felix Hauptmann und C.A.R. Und mittags eben jenes Trombone Quartet im Fahrradladen. Jazzweek kann also gleichzeitig Konzertsaal, Club und kleine Stadtexpedition sein. (Cologne Jazzweek)
Warum das Festival gerade jetzt Spaß macht
Vielleicht ist genau das der Punkt: Man muss kein Jazzmensch sein.
Man darf hingehen, weil man neugierig ist. Weil man Lust auf einen Abend hat, an dem nicht schon nach drei Takten klar ist, wo die Reise hingeht. Weil man elektronische Musik mag. Oder Clubs. Oder Kirchenräume. Oder gute Trompeten. Oder einfach Köln.
Und man darf völlig ungebildet erscheinen.
Das ist vielleicht sogar die beste Voraussetzung.
Denn Jazz kann unglaublich körperlich sein. Ein Bass kommt nicht über den Kopf, sondern erst einmal durch den Brustkorb. Eine Trompete kann einen Kirchenraum plötzlich größer machen. Ein Schlagzeug kann den eigenen Herzschlag irritieren. Eine Improvisation kann nerven – und fünf Minuten später genau deshalb faszinieren.
Das Festival setzt dabei auffällig stark auf junge europäische und internationale Kollektive. Mit KROM × CJW etwa werden junge Musiker:innen aus Europa zusammengebracht; NICA exchange × CJW verbindet Köln mit internationalen Nachwuchspositionen. (Cologne Jazzweek)
Das ist keine Nostalgieveranstaltung.
Es ist eher ein musikalisches Labor.
Und was kostet der Spaß?
Das Festivalticket kostet 140–180 Euro inklusive Gebühren und gilt für praktisch das gesamte Festival – ausgenommen sind das Philharmonie-Konzert am 7. September sowie die Jazzorama-Kooperation am 10. September. (Cologne Jazzweek)
Wer lieber schnuppert: Das Tagesticket für den 9. September kostet 29–38 Euro, das Ehrenfeld-Night-Tagesticket am 10. September 23–30 Euro. Außerdem gibt es zahlreiche kostenlose Veranstaltungen. (Cologne Jazzweek)
Der Ticketverkauf läuft 2026 erstmals über Rausgegangen; Einzel-, Doppel-, Tages- und Festivaltickets sind erhältlich. (Cologne Jazzweek)
Zum offiziellen Programm der Cologne Jazzweek 2026
Zu den Tickets der Cologne Jazzweek 2026
Mein persönlicher „Nicht-Boomer“-Zugang
Ich würde nicht versuchen, die sieben Tage komplett durchzuplanen. Das wäre bei diesem Programm ungefähr so sinnvoll, wie einen Spaziergang durch Köln mit einem Lineal zu vermessen.
Ich würde mir einen Nachmittag, einen großen Abend und eine Nacht herauspicken.
Nachmittags kostenlos irgendwo hineinschnuppern. Dann zu Fuß weiter. Einen Kaffee. Vielleicht ein bisschen Regen. Ein Kirchenraum. Ein überraschendes Saxofon. Danach etwas essen. Dann in einen Club, in dem die Luft langsam warm wird und plötzlich niemand mehr darüber nachdenkt, ob das gerade „Jazz“ ist.
Und genau da beginnt die Cologne Jazzweek interessant zu werden.
Nicht als Museum für eine Musikrichtung.
Sondern als sieben Tage musikalische Stadtforschung.
Köln wird dabei selbst zum Instrument: Kirchenhall, Asphalt, Fahrradklingel, Kellerclub, Philharmonie, Stimmengewirr, Bass, Rheinluft – und irgendwo dazwischen ein Klang, den man vorher noch nicht kannte.
Das ist mein Argument für die Cologne Jazzweek 2026: Nicht hingehen, weil man Jazz liebt. Hingehen, weil man sich überraschen lassen möchte.
