Es beginnt, wie so viele große Lebensprojekte: mit einer völlig harmlosen Idee. Flamenco. Das wollte ich schon immer lernen. Nicht für die Bühne, nicht für einen Auftritt, sondern einfach nur für mich. Weil dieser Tanz etwas hat, das einen sofort packt. Stolz. Erdung. Feuer.

Die Spanier scheinen dabei nicht zu tanzen, sondern mit dem Boden zu verhandeln. Kann ja nicht so schwer sein, dachte ich. YouTube verspricht einen Workshop für Anfänger. „Ganz einfach.“ Die sympathische Lehrerin lächelt in die Kamera. Erst klatschen. Dann rechter Fuß. Dann linker Fuß. Langsam. Mein Gehirn nickt zustimmend. Mein Körper hingegen hat offenbar nur das Wort Flamenco verstanden und interpretiert es als Aufforderung zur sofortigen Explosion. Während die Lehrerin noch erklärt, wie man elegant das Gewicht verlagert, veranstalten meine Beine bereits eine Mischung aus Stepptanz, Waldbrand und Stromausfall. Aus dem Takt. Voller Begeisterung. Mit einer Energie, als hinge das Schicksal Andalusiens von diesem einen Schritt ab. Ich habe keine Ahnung, was ich da tue. Aber ich habe unfassbar viel Spaß dabei.

Flamenco sieht bei Profis aus wie flüssige Poesie. Bei mir eher wie eine Spinne, die versehentlich über eine heiße Herdplatte läuft. Nur barfuß. Auf Teppich. Immerhin sieht mich niemand. Vorhänge zu. Musik an. Nach anderthalb Stunden bin ich komplett verschwitzt. Die Füße glühen, die Waden diskutieren bereits über Arbeitsrecht und mein Puls applaudiert. Ich hingegen frage mich: Vielleicht ist das mit dem Tanzen doch nichts für mich.

Das Muster kenne ich. Ich wollte schon immer surfen lernen. Rudern. Tanzen. Immer dasselbe. Die Ambitionen sind olympiareif, der erste Schritt gelingt – und plötzlich übernimmt der Körper. Als hätte jemand den inneren Labrador von der Leine gelassen. Völlig begeistert. Völlig hemmungslos. Völlig außer Kontrolle.

Am nächsten Morgen wache ich auf. Vor dem Frühstück. Schon 25 Grad im Schatten. Ich denke an gestern und plötzlich passiert etwas Seltsames. Ich kenne die Schrittfolge noch. Siebenmal klatschen. Rechter Fuß nach vorne. Gewicht verlagern. Noch einmal. Moment mal. Gestern sah das doch noch aus wie ein mittelschweres Naturereignis. Offenbar hat mein Gehirn nachts heimlich weitergearbeitet, während ich glaubte, hoffnungslos untalentiert zu sein. Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion. Wir glauben oft, Lernen müsse sich immer gleich gut anfühlen. Dabei fühlt es sich am Anfang meistens an wie Kabelsalat. Das Gehirn baut neue Verbindungen, der Körper sucht den Rhythmus und der Ehrgeiz rennt schon hundert Meter voraus. Irgendwo dazwischen stolpern wir über unsere eigenen Füße.

Ich klatsche noch einmal. Siebenmal. Der rechte Fuß findet erstaunlicherweise tatsächlich den Boden. Nicht perfekt. Aber immerhin denselben wie gestern. Erst einmal frühstücken. Dann gehe ich in den Wald. Vielleicht male ich später noch eine Flamencotänzerin.

Und morgen? Vielleicht tanze ich wieder. Nicht, weil ich schon Flamenco kann, sondern weil mein Körper offenbar beschlossen hat, dass Begeisterung manchmal wichtiger ist als Eleganz. Die kommt vielleicht später. Oder auch nicht. Aber das Feuer ist schon da. Und wahrscheinlich war es genau das, was mich an diesem Tanz von Anfang an fasziniert hat: nicht die Perfektion, sondern diese wunderbare Einladung, mit dem Boden unter den Füßen ein kleines, temperamentvolles Gespräch zu führen.

Jetzt mal ehrlich. Diese fließenden Bewegungen haben etwas Magisches. Als hätte jemand Musik in Gelenke gegossen. Die Hände schweben durch die Luft, als würden sie Geschichten erzählen, die Füße unterhalten sich mit dem Boden und selbst eine kleine Kopfbewegung wirkt, als hätte sie jahrelang geübt. Bei mir sieht das eher so aus, als hätte der Teppich plötzlich beschlossen, Eigenleben zu entwickeln.

Und trotzdem lässt mich dieser Tanz nicht los. Was wäre, wenn ich diesmal nicht nach dem dritten Stolperer aufgebe? Was wäre, wenn ich den steinigen Weg einfach mal annehme? Einen Schritt. Noch einen. Klatschen. Verheddern. Fluchen. Lachen. Wieder von vorne. Nicht glamourös. Eher in Shorts, barfuß und mit hochrotem Kopf, während der Schweiß langsam den Rücken hinunterwandert und der Hund mich anschaut, als wolle er sagen: Frauchen, wir könnten auch einfach spazieren gehen.

Vielleicht passiert das eigentliche Wunder nämlich gar nicht im Kopf. Sondern irgendwo tief im Körper. Zwischen Wade und Großhirn schließen Muskeln offenbar heimlich Freundschaften. Bewegungen, die sich gestern noch anfühlten wie ein Verkehrsunfall, wirken plötzlich ein kleines bisschen vertrauter. Nicht schön. Aber weniger katastrophal. Vielleicht ist Scheitern einfach der Preis für Anmut. Niemand sieht elegant aus, wenn das Gehirn und die Füße sich noch siezen. Die müssen sich erst kennenlernen. Vertrauen aufbauen. Irgendwann tanzen sie vielleicht sogar miteinander, statt gegeneinander.

Wir sind darin erstaunlich ungeduldig. Wir möchten sofort glänzen. Möglichst aussehen, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Dabei beginnt jede neue Fähigkeit mit dem Mut, eine Zeit lang ziemlich albern auszusehen. Vielleicht sollte ich genau das üben. Nicht den perfekten Flamenco. Sondern die Gelassenheit, Anfängerin zu sein.

Und wer weiß? Vielleicht klatsche ich eines Morgens siebenmal in die Hände, setze den rechten Fuß nach vorne und merke plötzlich: Der Körper diskutiert nicht mehr. Er antwortet. Olé.

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