Es gibt zwei Arten von Sofa. Das eine ist für das Hochglanzmagazin. Für die englische Tea Party, zu der man selbstverständlich nur mit Bouclé und geradem Rücken auf der äußersten Kante erscheinen darf. „Members only“.

Man nagt mit zugespitzten Lippen und den vorderen Schneidezähnen an hübsch drapiertem Gebäck, nickt mehrfach höflich, streut ein wenig Gossip über die Tasse und klemmt sich anschließend die neue Handtasche eines französischen Luxuslabels unter den Arm – noch bevor der Rock die ersten unerwünschten Sitzfalten entwickelt. Die Hilfe hat den Steamer schließlich 24/7 am Start. Und dann gibt es das andere Sofa. Das Sofa meiner Paten. Dunkelbraunes, speckiges Leder, ordentlich gebraucht. Kindergeburtstage, Jazzfreunde, politische Debatten der siebziger und achtziger Jahre. Ein Möbel, das nicht danach fragte, ob jemand gerade geschniegelt aus dem Auto gestiegen war. Es nahm Menschen auf. Mit ihren Getränken, ihren Geschichten, ihren Kindern, ihren Hunden, ihren Meinungen. Irgendwann wanderten meine Paten nach Australien aus. Ob das Sofa mitverschifft wurde, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht ist es dort inzwischen ebenfalls ein Stück Familiengeschichte.
Die Suche nach dem Sofa für alle
Seit meiner ersten eigenen Wohnung bin ich im Grunde genommen auf der Suche nach dem bestmöglichen Sofa. Nicht nach dem schönsten. Das wäre vergleichsweise einfach. Ich suche eines, das gleichzeitig ansehnlich daherkommt, ohne gesellschaftlich zu spalten. Eines, das nicht flüstert: „Ich bin etwas Besseres.“ Ein Sofa, das jeder Spezies einen Wohlfühlmoment gönnt. Menschen eingeschlossen. Das klingt zunächst nach einer bescheidenen Anforderung. Ist es aber nicht. Denn spätestens wenn Straßenkleidung, Kekskrümel und Hundepfoten ins Spiel kommen, wird aus der ästhetischen Frage eine hygienische. Und aus der hygienischen eine textile. Was darf ein Sofa aushalten, ohne seine Würde zu verlieren? Und wie viel Würde braucht ein Sofa überhaupt?
Der Textil-Forschungsauftrag
Also startete ich meinen persönlichen Textil-Forschungsauftrag. Nicht im Labor. Im wirklichen Leben. Wetterextreme gehörten ausdrücklich zum Versuchsaufbau. Hochparterre. Rheinnähe. Hohe Luftfeuchtigkeit. Ein Sommer lang Bedingungen, die mir zunehmend grenzwertig erschienen. Die Häuser setzten Grünspan an. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht mit matschigen Gummistiefeln und einem entsprechend matschigen Hund nach Hause kam. Das Sofa musste damit klarkommen. Ich übrigens auch. Dann kam dieser Sommer. Ganz anders. Die extremste Woche im August: knapp 40 Grad, dazu ungefähr 20 Prozent Luftfeuchtigkeit. Nun ja. Meine Konstruktion hielt. Und damit wurde es interessant.
Ein Rolf Benz als Versuchsanordnung
Die Basis war ein Vintage Holzgestell von Rolf Benz. Darauf eine dicke Wollauflage, darüber ein zehn Zentimeter hoher Topper, Vlies, zwei dicke Daunenkissen – und immer wieder eine neue textile Schicht. Weiße Baumwolle. Cremefarbener Samt. Mohairvelours. Das Sofa wurde zur Versuchsanordnung. Die Stoffe wurden nicht nur angeschaut. Sie mussten leben. Mindestens alle drei Monate landete die jeweilige textile Schicht in der Wäsche. Dann wurde wieder getestet. Wie fühlt sich das Material an? Wie verhält es sich mit Wärme? Wie mit Feuchtigkeit? Wie mit Hund? Wie mit Alltag? Wie sieht es nach einigen Monaten noch aus? Und vor allem: Kann ich mich darauf setzen, ohne vorher innerlich einen Antrag stellen zu müssen?
Mohair – die Entscheidung
Nach einigen Monaten stand die Entscheidung fest. Mohair sollte es sein. Nicht Bouclé. Nicht irgendein pflegeleichter Kunstfaserstoff, der einem schon beim Anfassen erzählt, dass er pflegeleicht ist. Mohair. Weich. Lichtreflektierend. Haptisch. Ein bisschen luxuriös. Und mit dieser eigentümlichen Fähigkeit, einen Raum sofort etwas kultivierter erscheinen zu lassen, ohne gleich nach Empfangshalle auszusehen. Dann fand ich einen Stoff. Ein Schnäppchen. Natürlich bei eBay. Was sollte schon schiefgehen? Nun. Alles. Ich hatte überlesen, dass der Stoff einer Textilveredelung unterzogen worden war: schmutzabweisend. Für manche Menschen vermutlich eine erfreuliche Eigenschaft. Für mich ein Angriff auf mein Nervensystem. Ich wollte einen schönen, natürlichen, sinnlichen Stoff. Bekommen hatte ich einen textilen Chemieunfall im Kleinformat. Die Antwort auf meine Nachfrage war mehr als unbefriedigend. Also landete der Stoff auf dem Balkon.
Das unfreiwillige Freiluftlabor
Sommer. Sonne. Regen. Der Stoff lag da. Tag für Tag. Der Geruch verschwand langsam. Und während der vermeintliche Fehlkauf draußen vor sich hin auslüftete, saß ich irgendwann auf dem Sessel, blickte in Richtung Abendsonne und Tannen und stellte fest: Eigentlich war es ziemlich behaglich. Der Borkenkäfer hatte offenbar ebenfalls einen Bogen gemacht. Manchmal ist die Natur die beste Nachbehandlung. Ob das textiltechnisch ein anerkanntes Verfahren ist? Vermutlich nicht. Aber es funktionierte.
Und plötzlich wird aus dem Forschungsprojekt ein Lebensprojekt
Nun steht die nächste Veränderung bevor. Anfang nächsten Jahres werde ich Oma. Damit verschiebt sich die Fragestellung noch einmal. Vielleicht ist jetzt tatsächlich der Moment gekommen, ein wenig erwachsener zu entscheiden. Überhaupt einmal zu entscheiden. Projekte fertigzustellen. Genug getestet. Denn bald dürfen hier kleine Babyfüße auf dem Sofa herumhopsen. Und plötzlich bekommt das Wort „pflegeleicht“ eine vollkommen neue Bedeutung. Es geht nicht mehr darum, ob ein Stoff bei einer englischen Tea Party eine makellose Figur macht. Es geht darum, ob ein Sofa das Leben aushält. Flauschig soll es sein. Es darf gekleckert werden. Es darf einmal etwas daneben gehen. Es darf gekrümelt werden. Es darf jemand mit klebrigen Fingern darauf sitzen. Ein Hund darf dazugehören. Und irgendwann wird vermutlich auch ein Enkelkind mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit über die Lehne klettern. Genau dafür soll dieses Sofa da sein.
Das Ende der Materialforschung?
Der Stoff ist ausgewählt. Die Nähmaschine steht bereit. Der Forschungsauftrag nähert sich seinem Ende. Zumindest theoretisch. Es ist ein sandfarbener Mohairvelours mit einem Tulpenmuster. Nicht geschniegelt, aber elegant. Nicht empfindlich inszeniert, sondern weich. Ein Stoff, der Licht aufnimmt und wieder zurückgibt. Daraus wird eine Husse für die 180 Zentimeter lange Matratze auf dem Holzgestell. Zwei große Kissen bilden die Rückenlehne. Und plötzlich ist da nicht mehr die Frage: „Wie sieht mein Sofa aus?“ Sondern: „Was soll hier passieren?“ Menschen sollen hier sitzen. Lesen. Reden. Schweigen. Kaffee trinken. Kuchen essen. Hundehaare hinterlassen. Vielleicht irgendwann Bauklötze verlieren. Vielleicht politische Debatten führen. Vielleicht über völlig belanglose Dinge lachen. Vielleicht einen Menschen trösten. Vielleicht eine neue Idee haben.
Das bessere Sofa
Vielleicht war das alte Sofa meiner Paten deshalb immer das bessere Sofa. Nicht weil es schöner war. Das war es vermutlich nie. Das dunkelbraune Leder war speckig. Es hatte Gebrauchsspuren. Es hatte Geschichten. Aber es besaß etwas, das viele perfekte Möbel verloren haben: Es lud ein. Es sagte nicht: „Pass auf mich auf.“ Es sagte: „Setz dich.“ Und vielleicht ist genau das die eigentliche Luxusfrage. Nicht, wie makellos ein Möbelstück bleibt. Sondern wie viel Leben es aufnehmen kann. Ein gutes Sofa muss nicht gesellschaftlich spalten. Es darf sogar unterschiedliche Welten zusammenbringen: Hochglanz und Kindergeburtstag, Jazz und Politik, Hund und Baby, Mohair und Kekskrümel. Vielleicht muss man dafür gar nicht zwischen Ästhetik und Alltag wählen. Vielleicht braucht es nur ein Material, das beides aushält. Und ein Möbel, das nicht versucht, wichtiger zu sein als die Menschen, die darauf sitzen.
Für die Kleine nur das Beste
Für die Kleine soll es natürlich nur das Beste sein. Und falls der Stoff – erneut ein Superschnapper von einem Polsterer – wieder irgendeine geheimnisvolle Eigenschaft besitzt, von der ich beim Kauf nichts wusste? Dann kommt die weiße Baumwolldecke aus Indien wieder zum Einsatz. Man muss schließlich immer offen für alternative Forschungsansätze bleiben.

Vom Matratzenbett zum Kuschelsofa
Ein Rolf-Benz-Holzgestell, eine 180 × 70 cm Matratze und luxuriöser Mohairvelours werden zu einem individuellen Salonsofa.
01 · Gestell vorbereiten
Holzgestell prüfen, stabilisieren und scharfe Kanten glätten. Die Matratze sollte sicher aufliegen und von unten ausreichend belüftet werden.
02 · Stoff zuschneiden
Sitzfläche und Seitenteile der Husse nach den exakten Matratzenmaßen zuschneiden. Rundum etwa 1,5–2 cm Nahtzugabe einplanen.
03 · Velours beachten
Beim Mohairvelours unbedingt die Strichrichtung beachten. Auch das Tulpenmuster vor dem Zuschnitt sorgfältig ausrichten.
04 · Husse nähen
Vorder-, Seiten- und Rückteile verbinden und anschließend die Oberseite einsetzen. Die Husse möglichst abnehmbar konstruieren.
05 · Husse fixieren
Mit Klettband oder Stofflaschen unter der Matratze sichern. So bleibt der Bezug glatt, lässt sich aber jederzeit abnehmen.
06 · Rückenkissen nähen
Zwei Kissen mit jeweils 90 × 40 × 20 cm aus demselben Mohairvelours fertigen. Verdeckten Reißverschluss an der Unterseite einarbeiten.
07 · Rücken stabilisieren
Eine niedrige Holzleiste hinter der Matratze verhindert das Verrutschen der Kissen. Sie bleibt später vollständig unsichtbar.
08 · Sofa vollenden
Matratze beziehen, Kissen einsetzen, Stoff glätten – fertig ist das individuelle Kuschelsofa. Jetzt darf gelebt, gelesen und gekrümelt werden.
