Es gibt Wiedereröffnungen, bei denen man höflich applaudiert. Und es gibt Wiedereröffnungen, bei denen eine ganze Stadt erst einmal tief Luft holt.
Am 19. und 20. September 2026 öffnen Oper und Schauspiel Köln nach Jahren der Sanierung wieder ihre Türen am historischen Offenbachplatz. Zwei Tage lang darf entdeckt, geschaut, gestaunt, herumgelaufen, gelauscht und vermutlich auch ein bisschen kontrolliert werden, ob das alles wirklich wahr ist. Die Bühnen Köln laden zum großen Eröffnungsfest ein – kostenlos und ausdrücklich für die ganze Stadtgesellschaft. (buehnen.koeln)
Und genau deshalb ist mein Kulturhighlight im September nicht einfach eine Vorstellung. Es ist ein Wiedersehen mit einem Ort, der in Köln über Jahre beinahe selbst zur Figur eines endlosen Dramas geworden ist.
Köln bekommt einen vertrauten Ort zurück
Der Offenbachplatz hat Erinnerungen gespeichert. Premieren. Pausen. Mäntel an Garderobenhaken. Stimmen im Foyer. Eilige Schritte. Rendezvous vor der Vorstellung. Die typische leichte Nervosität kurz vor dem Einlass. Und natürlich die unzähligen Jahre, in denen dieser Ort vor allem durch Baustellen, Verzögerungen und die unverkennbare Fähigkeit der Kölnerinnen und Kölner bekannt war, trotzdem irgendwann noch einen Witz daraus zu machen.

Nun gehen die Türen wieder auf. Nicht symbolisch. Nicht „demnächst“. Sondern ganz konkret am Samstag, 19. September, ab 12 Uhr, und am Sonntag, 20. September, ab 11 Uhr. Bis spät in den Abend hinein wird der Offenbachplatz zur Bühne: Samstag bis 23 Uhr, Sonntag bis 21 Uhr. Das Schöne daran: Man muss an diesem Wochenende gar nicht wissen, ob man Oper liebt, Schauspiel verehrt oder beim Wort „Foyer“ zunächst an Garderobenmarken denkt. Man darf einfach neugierig sein.
Mein Tipp: Nicht nur ins Theater gehen
Ich würde den 19. September wie einen kleinen Stadtausflug behandeln.
Nicht mit dem Plan „Vorstellung anschauen, nach Hause“. Sondern mit Zeit. Ankommen. Den Platz betrachten. Architektur auf sich wirken lassen. Durch die neuen und sanierten Räume gehen. In die Foyers hineinsehen. Die Zuschauerräume entdecken. Auf die Bühne schauen. Hinter die Kulissen blicken. Sich von der Technik überraschen lassen. Denn genau das ist Teil des Eröffnungsfests: Verschiedene Parcours führen durch Foyers, Zuschauerräume und Bühnen von Oper und Schauspiel. Dazu kommen Technikshows, Mitmachangebote, eine Außenbühne und ein Straßenfest. Auch die neue Bühne der Kinderoper unter dem kleinen Offenbachplatz öffnet ihre Türen.
Das klingt auf dem Papier nach Programm. In Wirklichkeit wird es ein sinnliches Großereignis.
Hören, bevor man überhaupt sitzt
Mich würde an diesem Wochenende besonders interessieren, wie sich der Ort akustisch verändert hat.
Ein Theater ist schließlich nicht nur Architektur. Es ist ein Resonanzkörper. Das Rascheln von Stoff. Das Klacken von Schuhen. Ein plötzliches Lachen aus dem Publikum. Stimmen, die sich überschneiden. Ein Orchester, das sich einspielt. Ein einzelnes Instrument, das irgendwo hinter einer Tür auftaucht und für drei Sekunden die ganze Umgebung verändert. Am Sonntag um 18 Uhr wird im Opernhaus zum ersten Mal wieder Musik erklingen. Das Ensemble der Oper Köln trifft auf das Gürzenich-Orchester – und als Special Guest kommt Kasalla dazu. Oper und Orchester treffen also auf kölsche Bandenergie. Hochkultur mit Heimvorteil. Ich finde das ziemlich wunderbar. Denn eine Stadt wie Köln braucht keine Kultur, die geschniegelt im Samtkästchen sitzt. Sie braucht Kultur, die atmet, sich mischt und gelegentlich auch ordentlich Lärm macht.
Die eigentliche Attraktion ist der Ort selbst
Nach Jahren der Sanierung bekommt man hier etwas zu sehen, das man sonst eher selten erlebt: einen Kulturort im Moment seiner Rückkehr.
Noch ist alles neu. Gleichzeitig ist alles voller Erinnerung. Diese Gleichzeitigkeit macht den Besuch so interessant.
Man sieht nicht einfach ein renoviertes Gebäude. Man sieht eine Stadt, die versucht, ihre eigene Geschichte weiterzuschreiben. Und vielleicht merkt man dabei erst, wie sehr Gebäude Teil unseres kulturellen Gedächtnisses sind. Wir erinnern uns nicht nur an Stücke und Sängerinnen. Wir erinnern uns an Treppen, Türen, Licht, Gerüche und diese ganz bestimmte Mischung aus Erwartung und leichter Aufregung vor dem Vorhang. Ein Theater ist ein Gedächtnis mit Beleuchtung.
Kultur darf auch neugierig machen
Besonders reizvoll finde ich deshalb, dass das Eröffnungsfest nicht ausschließlich für eingefleischte Opern- und Theatermenschen gedacht ist. Es gibt Musik, Technik, Mitmachangebote, Straßenfest und Beiträge aus den neun Kölner Stadtbezirken. Die Bühnen holen damit nicht nur Publikum zurück, sondern auch die Stadt hinein. Das verändert die Perspektive. Nicht: „Ich gehe heute in die Oper.“ Sondern: „Ich gehe heute schauen, was Köln aus seinem neuen alten Kulturort macht.“ Das ist ein Unterschied. Und ein ziemlich zeitgemäßer.
Der 24. September setzt den festlichen Punkt
Am Donnerstag, 24. September, folgt dann der große Festakt. Um 19 Uhr beginnt im Opernhaus die festliche Gala zur Wiedereröffnung. Oper und Schauspiel feiern gemeinsam den Wiedereinzug an ihren angestammten Ort. Mit dabei sind die Ensembles, das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada und als Gast die Sopranistin Diana Damrau. (buehnen.koeln)
Dieser Abend ist inzwischen ausverkauft. Aber vielleicht ist das sogar ganz passend. Denn der eigentliche öffentliche Moment gehört ohnehin dem Eröffnungswochenende. Dem Herumstreifen. Dem ersten Blick. Dem kollektiven „Ach, guck mal!“.
Und danach beginnt der normale Theaterzauber wieder
Die Wiedereröffnung ist natürlich kein nostalgischer Schlussakkord. Sie ist ein Startsignal. Am 27. September feiert Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ Premiere in der Oper. Im Oktober folgen unter anderem „Rigoletto“, das „Fest der Operette“ und weitere Produktionen. Das Gebäude kehrt damit nicht ins Museum zurück. Es wird wieder benutzt. Von Menschen, die wiederkommen. Menschen, die sich verabreden. Menschen, die sich über eine Inszenierung streiten. Menschen, die im Foyer stehen und zu spät merken, dass die Pause schon vorbei ist. Menschen, die vielleicht zum ersten Mal überhaupt in einer Oper sitzen. Und Menschen, die denken: Endlich wieder da.
Mein September-Moment
Ich würde deshalb am 19. September früh anfangen und mir Zeit lassen. Nicht hetzen. Nicht nur konsumieren.
Ich würde den Offenbachplatz beobachten, bevor die große Menge ihn übernimmt. Die Architektur von außen ansehen. Danach hineingehen und mich treiben lassen. Ein paar Minuten einfach irgendwo stehen. Den Blick nach oben richten. Menschen beobachten. Geräusche sammeln. Was riecht hier neu? Wie klingt ein leerer Zuschauerraum? Wie fühlt sich der Raum an, wenn plötzlich Stimmen aus einer Probe kommen? Und wie verändert sich die eigene Erinnerung, wenn ein Ort, den man so lange nur mit Baustelle verbunden hat, plötzlich wieder Kultur produziert? Das ist für mich die eigentliche Geschichte dieser Wiedereröffnung.
Nicht: Köln hat endlich wieder seine Oper.
Sondern: Köln bekommt einen Teil seiner kulturellen Identität zurück – und darf ihn gleichzeitig neu erfinden.
Der Offenbachplatz wird im September 2026 wieder zum Ort für große Kunst, kleine Begegnungen, Musik, Theater, Stadtgespräch und diese besondere kölsche Mischung aus Pathos und pragmatischem Schulterzucken.
Vorhang auf.
Und bitte nicht gleich wieder nach Hause gehen.
Eröffnungsfest der Bühnen Köln
19. September 2026, 12–23 Uhr
20. September 2026, 11–21 Uhr
Offenbachplatz, Köln
Eintritt zum Eröffnungsfest: frei.
Festakt der Bühnen
24. September 2026, 19–22 Uhr
Opernhaus, Offenbachplatz, ausverkauft.
